Pioniergeist

 Als der Pioniergeist blühte...

Die Nutzung der Wasserkraft im Schanfigg zur Deckung des steigenden Energiebedarfs oder die Sicherung der Stromversorgung durch neue Verbindungsleitungen hat in den vergangenen 100 Jahren schon manches Ingenieurbüro beschäftigt. Es gibt wohl kaum irgendeine Variante, die nicht schon auf Papier gezeichnet und näher geprüft worden wäre.

Die ersten Bestrebungen zur Erweiterung der Kraftwerkanlagen datieren aus dem Jahr 1911, als gleich zwei Projekte für die Ausnützung des Gefälls vom Maschinenhaus Arosa bis Langwies ausgearbeitet wurden. Die Detailstudien wurden mit Beginn des Ersten Weltkriegs aus begreiflichen Gründen nicht beendigt. 1918 liess Arosa Studien über die Erstellung eines Schanfigger-Kraftwerks ausarbeiten, doch brachten die Ergebnisse in technischer und wirtschaftlicher Hinsicht nicht das erhoffte Resultat. Noch im gleichen Jahr unterzeichnete Arosa den ersten Stromlieferungsvertrag mit der Stadt Chur.

Trotz der Gewissheit, die Stromversorgung auf längere Zeit gesichert zu haben, entstanden in den Folgejahren immer wieder Projekte für weitere Ausbauvarianten. Den EW-Verantwortlichen stellte sich nämlich im Zuge der teilweise rasanten Zunahme des Energiekonsums stets die gleiche Frage: Soll die künftige Stromversorgung durch Erweiterung des eigenen Werks oder durch den Abschluss neuer Stromlieferungsverträge mit dem Austauschpartner sichergestellt werden? Zur Erinnerung an zahlreiche, nicht realisierte Projekte sind nachfolgend einige bemerkenswerte und kühne Vorhaben näher erläutert:

Der Ausbau der ersten Plessurstufe durch die Stadt Chur stand mehrmals zur Diskussion, was möglicherweise die Stillegung des eigenen Maschinenhauses Arosa zur Folge gehabt hätte. Die Gemeinde gab daher verschiedentlich Expertisen für ein Kraftwerk Schwellisee in Auftrag, welches als reines Winterkraftwerk vor allem für die Energiebereitstellung während den Spitzenzeiten interessante Perspektiven eröffnete. Eine Variante aus dem Jahr 1953 sah vor, den Schwellisee mit Fassung des Welschtobelbaches bei den Inneren Sandböden mit Zuleitung durch eine Stollenverbindung zu stauen. Mit dem Stausee-Inhalt von 5,5 Mio. m3 hätten rund 15 Mio. kWh Strom erzeugt werden können.

So oder so geht das Jahr 1964 als Meilenstein in die Geschichte des Elektrizitätswerks Arosa ein. Mit 268 Ja gegen 132 Nein (Stimmbeteiligung 83%!) unterstützten die Stimmberechtigten am 30. August den Antrag der Gemeindebehörde, dem Konsortium Plessur die Nutzung der Wasserkraft der Plessur mit Seitenbächen zu erteilen und das Kraftwerk Arosa-Lüen zu erstellen. 

Das geplante Kraftwerk hätte das Gefälle der Plessur zwischen dem Stausee Isel (70 m hoher Staudamm und 31 Mio. m3 Nutzinhalt) und dem bestehenden Kraftwerk Lüen auf einem Bruttogefälle von 890 m genutzt. Die installierte Leistung von 64 MW hätte eine Jahresenergieproduktion von rund 200 Mio. kWh ergeben, wovon 90 Mio. kWh auf den Winter und 110 Mio. kWh auf den Sommer entfallen wären. Die vorgesehene Beteiligung von 15% am Aktienkapital hätte der Gemeinde Arosa das Anrecht auf den Bezug von rund 30 Mio. kWh Partnerenergie zu Gestehungskosten eingeräumt.

Die darauf vorgenommenen umfassenden geologischen Untersuchungen im Gebiet der Isel ergaben dann wesentlich ungünstigere Resultate als auf Grund der früheren Abklärungen angenommen werden durfte. Das Konsortium sah sich gezwungen, von der Weiterbearbeitung des Projekts Abstand zu nehmen.

Wie kann die benötigte Energie im Winter bei einem Ausfall der einzigen 50 kV-Leitung nach Arosa transportiert werden? Diese Frage beschäftigte die Verantwortlichen des Elektrizitätswerks anfangs der 70er Jahre besonders stark. Verursacht durch die rege Bautätigkeit und die übermässige Zunahme des Leistungsbedarfs an elektrischer Energie drängte sich der Bau einer zweiten 50 kV-Leitung auf. Am 8. Oktober 1970 reichten die Elektrizitätswerke der Landschaft Davos und Arosa sowie die Elektrizitätsgesellschaft Laufenburg das Leitungsprojekt einer doppelsträngigen 50 kV-Leitung Filisur-Davos und Filisur-Alteinfurka-Arosa-Alteinfurka-Davos zur Prüfung und Genehmigung ein. Die Geländeabschnitte und Bergübergänge der anderen Leitungsvarianten erwiesen sich für eine sichere Leitungsführung ins Landwassertal aber als ungenügend. Dieses Projekt scheiterte letztlich am Widerstand der Kantonalen Natur- und Heimatschutzkommission.

Mit dem Ausbau der Albulawerke des Elektrizitätswerks der Stadt Zürich und der Verwirklichung einer doppelsträngigen 50 kV-Leitung von Sils-Solis-Lenzerheide-Churwalden-Chur ergaben sich für das Werk plötzlich wieder neue Möglichkeiten für einen 50 kV-Anschluss. Ende 1971 lagen Projekte und Studien für eine 50 kV-Leitung vor, unter anderem über Hörnli-Urdenfürkli-Lenzerheide oder Churwalden, welche aber nie konkretisiert wurden.

Das neuste Wasserkraftprojekt aus dem Jahr 1992, ausgearbeitet durch die Gemeindekorporation Kraftwerk Lüen zusammen mit dem Elektrizitätswerk der Landschaft Davos, den Industriellen Betrieben der Stadt Chur und dem Elektrizitätswerk Arosa, umfasste die Nutzung der Plessur zwischen Litzirüti und Pradapunt. Das Projekt sah vor, den Fondeier- und Sapünerbach zu fassen und nach Litzirüti überzuleiten, wo ein Kleinkraftwerk von 1 MW Leistung und 3 Mio. kWh Jahresproduktion betrieben werden sollte. Die Hauptstufe in Pradapunt hätte dann 5,5 m3/s verarbeitet und damit 17,4 MVA Leistung erzeugt. Die Jahresproduktion hätte 74,1 Mio. kWh und die Gesamtanlagekosten Fr. 94,2 Mio. betragen. Schliesslich wurde das Projekt infolge der hohen Gestehungskosten zurückgestellt.

In Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Energiewirtschaft und einem Batteriespezialisten erstellte das Elektrizitätswerk 1991 eine Studie für den Einsatz eines Batteriespitzenlast-Kraftwerks in der Mittelstation für die neue Weisshornbahn. Die Expertise zeigte, dass mit einem Spitzenlastkraftwerk die Bezugsleistung der Weisshornbahn von 2 000 kW auf 400 kW hätte reduziert werden können. Die Gemeinde stellte die Studie der Arosa Bergbahnen AG für ihr Energiekonzept zur Verfügung. Die Arosa Bergbahnen AG entschied sich schlussendlich für eine konventionelle Lösung.

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